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So nah am Abgrund. Stefanie Schneider lässt den Zufall geschehen

Stefanie Schneider ist seit vielen Jahren schon eine der bekanntesten deutschen Fotokünstlerinnen. Sie fotografiert ausschließlich mit Polaroid – mit Filmen, deren chemische Substanzen ihr Verfallsdatum bereits lange überschritten haben. Das geheimnisvoll anmutende Ergebnis der in Kalifornien entstehenden Porträts, Landschaftsaufnahmen und Filme lässt dem Zufall seinen Raum: Surreale Farbverschiebungen, sonnendurchflutete Unschärfen und Schlieren gehören zum Wesen dieser Fotografien, die beinahe wie Standbilder aus einem Roadmovie aussehen: Hollywood-Träume des amerikanischen Mythos.
Verblasst, surreal verfälscht, gesehen durch einen Zerrspiegel. „Ich lasse den Zufall geschehen“, sagt Stefanie Schneider. Wir sprachen mit ihr. Über ihre Kunst, das Wesen von Polaroid – und über ihren Umzug nach Kalifornien.

Seit vielen Jahren arbeitest du mit Polaroid-Material. Was macht für dich den visuellen Reiz des Polaroids aus?

Stefanie Schneider: Das Polaroid-Material ist im überlagerten Zustand von Vergänglichkeit und Entrücktheit gekennzeichnet. Wichtig ist hierbei die Technik. Dass man sofort und aus dem Bauch heraus arbeiten kann. Zwischen Fotograf und fotografiertem Objekt ist die Distanz unglaublich gering. Man kann das Bild direkt sehen, man kann gemeinsam beobachten, wie sich das Bild entwickelt, dadurch entsteht eine ganz persönliche Verbindung zwischen Fotograf und Fotografiertem. Der Prozess ist viel enger und gemeinsamer als bei anderen Analogbildern. Mit dem Prozess der Bildentstehung wird in gewisser Weise die Zeit angehalten. Es entsteht eine ganz andere emotionale Ebene, weil der Moment, den man gemeinsam entstehen sieht, ja bereits vergangen ist. Für mich hat das Polaroid auch eine innerliche Ästhetik – die meiner Erinnerungen und Träume, den langen
Sommern der Kindheit. Aber auch die untergründige Angst und das Unheil, dass doch alles so nah am Abgrund balanciert.

Möchtest du noch mehr über deine Kindheit erzählen?

In den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass das Material, die Sets und Kostüme und die Geschichten auch etwas mit der Freiheit meiner frühen Kindheit zu tun haben. Ich frage mich, warum heute alles so anders ist. Die Ästhetik des täglichen Lebens hat sich so extrem geändert, obwohl doch niemand diese Ästhetik schön finden kann.

Gibt es nicht auch heute noch Schönes?

Natürlich gibt es auch heute schönes Design, aber eher nicht bei der Allgemeinheit. Es ist egal, wo man hinschaut. Ob es sich um ganz normale Gebrauchsgegenstände, Autos oder Architektur handelt, das allgemeine Leben um uns herum ist ziemlich hässlich geworden – und ich bin der Überzeugung, dass ein Aspekt der Verrohung der Gesellschaft unter anderem auch der Verlust der Ästhetik ist. In meiner kleinen Welt versuche ich mir, diese zu erhalten.

Die Farbigkeit deiner Arbeiten diffundiert zwischen grell, surreal, suggestiv und unheimlich. In der Nicht-Eindeutigkeit liegt die Stärke. Es geht dir darum, der Wirklichkeit etwas entgegenzusetzen, oder?

Die Wirklichkeit ist für jeden etwas anderes. Ich habe mich in meine Wirklichkeit zurückgezogen – und damit auch von der Gesellschaft. Natürlich kann man nie ohne diese existieren, aber ohne Fernsehen und Radio, umgeben von wenigen Menschen in der Wüste Kaliforniens verliert man allmählich den Bezug. Und die Werte der Gesellschaft werden einem fremder und fremder.

Deine Porträts und Landschaftsaufnahmen entstehen stets in Kalifornien. Warum?

Tatsächlich arbeite ich meistens in der Wüste. Das hat damit zu tun, dass ich mit den Geschichten 1996, als ich nach Los Angeles zog, begonnen habe und diese Geschichten ein Teil meines Lebens sind. Ich habe die meisten Protagonisten in einer Zeit kennengelernt, in der alle von uns mit einem Traum nach Los Angeles kamen. Der Kampf um diesen Traum spiegelt sich in vielen Aspekten meiner Fotos wieder. Ebenfalls die zerbrochenen Träume. Und auch heute noch ist Kalifornien der Mittelpunkt meines Lebenstraums.

Ist deine Kunst amerikanisch? Deine Bilder sehen aus wie Standbilder aus einem Roadmovie, zeigen Palmen, Reklameschilder oder einsame Tankstellen, Telegrafen-Masten, staubige Pisten, dazwischen entrückt wirkende Figuren, manche mit grellen Perücken oder Revolvern – surreale, flirrende Hollywood-Träume des amerikanischen Mythos.

Meine Bilder sind eher die europäische Sicht des amerikanischen Traums. Amerikaner sehen sich selber gar nicht so und auch ihre Umgebung nicht.

Welche Rolle spielt der Zufall in deiner Kunst? „Ich lasse den Zufall geschehen“, hast du einmal gesagt. In welchem Maß kannst du die Farbverschiebungen, Unschärfen und Schlieren, die Fehlstellen und Bleichungen deiner Bilder beeinflussen?

Ich kann sie insoweit beeinflussen, als dass ich mich auf meine Drehorte genau vorbereite. Ich teste vorher die Filme und staple sie nach Daten bei den Drehs
aufeinander, damit ich einschätzen kann, was mich erwartet. Ansonsten arbeite ich aber mit dem Material, wie es ist. Aber es ist irgendwie immer richtig.

Du hast bereits verschiedene Filme realisiert – oft auch unter Einbeziehung fotografischen Materials. Wie wichtig ist dir diese Erweiterung ins Filmische? Du hast ja auch einige Zeit als Cutterin gearbeitet …

Die Erweiterung ins Filmische eröffnet einen neuen Horizont. Plötzlich geht es nicht nur um stehende Bilder, sondern meine Geschichten können filmisch transportiert werden, so dass ich auch ohne Ausstellungen Zusammenhänge darstellen kann. Ich kann ein größeres Publikum erreichen. Außerdem ist es die logische Erweiterung meiner Erzählweise und die Filme fügen sich perfekt Ausstellungskonzepte ein.

Nun, nach Jahren des Pendelns zwischen Kalifornien und Deutschland, wirst du Deutschland ganz gen Kalifornien verlassen und dein „Labudio“ in Berlin auflösen – dein Studio mit Fotolabor. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Lange haben wir uns zweigeteilt und seit einem Jahr stehen die Zeichen auf Abschied. Es wurde schwieriger, jemanden zu finden, der unsere Farm in unserer Abwesenheit betreut. Wir wollten auch gar nicht mehr fort. Wenn man einen Ort gefunden hat, an dem man so glücklich ist, macht es keinen Sinn, diesen zu verlassen.

Werden deine Arbeiten nach deinem Umzug in Deutschland noch erhältlich sein?

Meine Arbeiten wird man nur noch über Lumas beziehen können. Digitale Abzüge werden weiterhin direkt bei uns auf Ebay erhältlich sein, da ich sie auch von fernab produzieren kann. Meine analogen Arbeiten jedoch verschiffen wir komplett nach Kalifornien. Unsere Plattformen operieren natürlich trotzdem international.

Weitere Informationen: www.instantdreams.net

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