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Weil er das Leben liebte – Die Farbfotografien von Jacques-Henri Lartigue

Weil er das Leben liebte – Die Farbfotografien von Jacques-Henri Lartigue

Eines der schönsten Bilder – der so vielen wunderschönen Bilder – von Jacques-Henri Lartigue ist dieses: Wir sehen eine junge Frau, im Hintergrund eine schneebedeckte Holzhütte, ein Waldstück und ihr Auto: ein Citroën 2CV. Im Vordergrund hat sie es sich bequem gemacht und ist gerade dabei, ein winterliches Sonnen-Picknick im Schnee zu richten. Was noch fehlt, ist der Fotograf selbst. Doch der fertigt gerade das Bild.

Florette, vence, Mai 1954 © Ministère de la Culture France/ Association des Amis de Jacques-Henri Lartigue, France

Besser, denken wir uns, kann man es sich im Winter nicht machen. Hier ist alles perfekt. Die Sonne wärmt offenbar schon stark: Die Frau hat ihre Jacke ausgezogen und offenbart uns einen roten Pullover, unter dem sie – in effektvollem Kontrast – noch einen grünen Pullover trägt. Sie hat ein bräunliches Tuch im Haar, helle Hosen und gelb-braune Lederstiefel. Alles ist einfach. Alles ist erlesen. Alles ist schön.

Und schön war wohl das Leben des 1894 geborenen Jacques-Henri Lartigue, der erst 1986 hochbetagt in Nizza starb. Er lebte vielleicht so lange, weil er das Leben liebte, weil er verstand, es zu genießen. Seine Farbaufnahmen wurden recht spät entdeckt. Ein kleiner, doch fein gestalteter Band erschien bei Schirmer/Mosel im Jahr 2016 und präsentiert erstmals in Deutschland diese Bilder.

Simone Roussel fährt den Zweirad-Bob, Rouzat 1913 © Ministère de la Culture France/ Association des Amis de Jacques-Henri Lartigue, France

Dieser Artikel ist aus der PhotoKlassik Ausgabe I.2021.
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Denn eigentlich ist Lartigue als Schwarzweißfotograf bekannt geworden. Als Bildautor, der die Realität gefiltert zeigt, gehüllt in klassische Eleganz. Er ist bekannt geworden für seine Bilder von Autorennen und für seine Meerbilder, die Mensch und Materie in engstem Miteinander vor Augen führen. Menschen, wie sie ins Wasser springen, durchs Wasser tauchen, sich erfrischen in dem Stoff, der Ursprung allen Lebens ist: Bilder voller Bewegung und auch andere, kontemplative Bilder. Bilder der Freude, der Sehnsucht, des Glücks. 

Solche lebendigen, momenthaften Bilder schuf der zunächst als Maler ausgebildete Lartigue auch in Farbe. Als Fotograf wurde Jacques-Henri Lartigue erst 1963, im Alter von 69 Jahren, in den USA entdeckt. Seine erste Ausstellung im New Yorker MoMA konzentrierte sich hauptsächlich auf seine Arbeiten aus der Belle Époque. 1975 waren seine Werke im Musée des Arts Décoratifs in Paris zu sehen, 1980 im Grand Palais ebendort, 1982 im International Center of Photography in New York oder 2003 im Centre Georges Pompidou in Paris. 2015 zeigte das Pariser Maison Européenne de la Photographie schließlich die Ausstellung „La Vie En Couleurs“ – und brachte Lartigue wieder ins Gespräch. 

Jetzt ist zum ersten Mal in Deutschland eine Werkschau zu bewundern, die Bilder von den unzähligen Reisen eines Mannes präsentiert, dessen Leben als eine lange, große Reise erscheint: Derzeit kann im Fotografie-Forum der StädteRegion Aachen in Monschau die Schau „Das Leben ist bunt“ mit Arbeiten von Jacques-Henri Lartigue besucht werden.

Florette en Morgan, Provenza, 1954 © Ministère de la Culture France/ Association des Amis de Jacques-Henri Lartigue, France

Bilder von der Côte d’Azur, als der Massentourismus noch nicht erfunden war, Bilder der feinen Gesellschaft, aber mehr noch, Bilder aus der Natur, Bilder von Blumenfeldern, von Kindern in der Bretagne, Porträts seiner gekonnt gekleideten Frau Florette im frühlingshaften Piemont, Bilder nebelverhangener Bauernlandschaften – aufgenommen stets mit genauem Gespür für die Pracht der Farben der Natur, aber auch der Kleidung und der Mode. 140 Farbfotografien umfasst die Schau, eine Hommage an die Leichtigkeit des Lebens. Wir entdecken farbenfrohe Blütenwiesen, eine mondäne Feier an der Côte d’Azur, schneebedeckte Bäume in einem Pariser Park – und wir werden Zeuge eines Picknicks am Meer in der Bretagne. Die Leichtigkeit des Seins in betörenden Farbfotografien.

Lartigue hätte auch ein großer Modefotograf werden können, der den natürlichen Stil der siebziger Jahre um viele Jahre vorwegnahm. Und wieder einmal darf man die so milchige Schönheit alter analoger Aufnahmen rühmen: die Weichheit der Konturen, die augenschmeichlerische, zurückhaltende Farbigkeit. Frühe Autochrome entstanden ab 1912, später Arbeiten die mit Rollfilmen und im Kleinbildformat gefertigt worden sind, darunter auch Porträts von berühmten Freunden, Gönnern und Förderern wie Picasso oder Cocteau.

Bibi im Restaurant des Eden Roc, 1920 © Ministère de la Culture France/ Association des Amis de Jacques-Henri Lartigue, France

Allesamt Bilder aus einer anderen Zeit, in die man heute ein wenig wehmütig zurückblickt. Wenn Lartigue sagt, dass Farbfoto scheine ihm „am besten in der Lage zu sein, Zauber und Poesie zum Ausdruck zu bringen“, dann finden wir dafür in seinem Werk eine süße, vollendete  Bestätigung. Die Fotografie war für Lartigue eine Liebhaberei – und das im schönsten Sinn. Er konnte es sich leisten, zu fotografieren, in Schwarzweiß, aber immer auch in Farbe. Und so fotografierte er all die Jahre seines heiteren Lebens – und kam dabei auch noch zu Ruhm. „Lächelnd“, so heißt es, wollte er sterben. Und so wird es wohl auch gekommen sein.


Buchempfehlung:
Martine d’Astier und Martine Ravache (Hrsg.): Jacques Henri Lartigue: Das Leben ist bunt. Gebunden. 168 Seiten. Verlag Schirmer Mosel 2016. ISBN 978-3-8296-0749-0. 34 Euro


Dieser Artikel ist aus der PhotoKlassik Ausgabe I.2021.
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